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250 Seemeilen kreuz und quer durch die Lande

Der Laacher See ist wunderschön! Aber sobald das Frühjahr Einzug hält, regt sich in uns der Zugvogel-Instinkt und drängt zum Aufbruch. Dann müssen wir los. Mal zu bekannten, mal zu für uns neuen Revieren. Seitdem wir gemeinsam in Rente sind, ist es sogar noch schlimmer geworden. Martina und ich sind leidenschaftliche Regattasegler, wenn auch aus […]
250 Seemeilen kreuz und quer durch die Lande

Der Laacher See ist wunderschön! Aber sobald das Frühjahr Einzug hält, regt sich in uns der Zugvogel-Instinkt und drängt zum Aufbruch. Dann müssen wir los. Mal zu bekannten, mal zu für uns neuen Revieren. Seitdem wir gemeinsam in Rente sind, ist es sogar noch schlimmer geworden.

Martina und ich sind leidenschaftliche Regattasegler, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven. Bei mir ist es in erster Linie Wissbegierigkeit. Ich bin der festen Ansicht, dass es für alles eine Ursache gibt und wenn ich einmal Feuer für eine Sache gefangen habe, dann lasse ich nicht locker, bis ich der Sache auf den Grund gegangen bin. Dummerweise hat sich diese Eigenschaft am Segeln entzündet, wo man es mit unsichtbaren Kräften zu tun hat, die nur schwer zu fassen sind. Regattasegeln ist eine effektive Möglichkeit, sein Verständnis über das Zusammenwirken von Wind, Wasser, Boot, Segel und den eigenen Unzulänglichkeiten zu vertiefen. Unbemerkt bin ich dabei in eine lustvolle Endlosschleife geraten, weil man beim Segeln nie auslernt.


Bei Martina ist es eher die Reiselust und die Freude an Natur und Landschaften. Durch die Regattatätigkeit kommen wir in Gegenden und an Gewässer, die uns sonst wahrscheinlich völlig zu Unrecht ein Leben lang fremd geblieben wären. Es ist wirklich immer wieder erstaunlich, welche Vielfalt und Schönheit unsere Gefilde aufweisen. Deswegen planen wir bei unseren Regattaausflügen nach Möglichkeit auch stets ein paar Tage mit ausgedehnten Wanderungen ein.
Was uns neben vielem anderen verbindet, ist die Freude am Segeln. Wir müssen nicht unbedingt gewinnen. Vorne mitzusegeln macht Spaß, aber wenn das unser einziges Ziel wäre, hätten wir uns notgedrungen längst anders orientiert.


Darüber hinaus trifft man beim Regattasegeln eine Menge netter Leute. Die Kielzugvogel-Seglergemeinde ist eine familiäre Truppe, bei der Cracks und Anfänger fröhlich am gleichen Tisch sitzen.


Unser Boot trägt den Namen „All We Need“. Die Inspiration dazu kommt von einem Künstler-Graffiti an der ehemaligen Gebläsehalle des Stahlwerks Esch/Belval in Luxemburg. Dort wurde mit Hilfe von Turbinen ein Luftstrom von bis zu acht Bft. erzeugt, um die Glut im Hochofen anzufachen. Ich habe beruflich ein paar Jahre in Luxemburg verbracht und von meinem Bürofenster aus fiel der Blick immer wieder auf dieses Graffiti.


Bevor es im Mai am Rursee losging, hatte ich „All We Need“ einer umfangreichen Trimmaktion unterzogen. Der Kielzugvogel ist ein Boot, das äußerst sensibel auf unterschiedliche Trimmeinstellungen reagiert. Aber ohne systematisches Vorgehen kommt man nie hinter all die Geheimnisse, die das Boot schnell oder langsam machen. Dafür hatte ich mir eigens ein ganzes Messleinensystem ausgedacht, das mir erlaubt, verschiedene Einstellungen für Wantendruck, Mastvorbiegung etc. je nach Bedarf exakt reproduzieren zu können. Als Referenzwerte dienten mir die Angaben aus der Trimmanleitung von Fritz (fritz-segel.com/service/#trimmanleitungen). Außerdem hatte ich mir eine zusätzliche Vierfachübersetzung für die Unterwanten eingebaut, um damit die Vorbiegung des Mastes je nach Windstärke verändern zu können.


Früher hatte ich für so was aus beruflichen und familiären Gründen einfach zu wenig Zeit und wir sind mehr oder weniger auf gut Glück drauf los gesegelt. Jetzt habe ich die Zeit und jetzt will ich es wissen!

Rursee
Der Rursee mit seinen zahlreichen Windungen ist bekannt für die daraus resultierenden und mitunter etwas drolligen Windverhältnisse. Auch wenn es erst seit diesem Jahr offiziell vom DSV erlaubt ist, hatte ich auch schon früher immer einen GPS-Tracker an Bord, mit dessen Hilfe sich im Nachgang analysieren lässt, was man alles hätte besser machen können, hätte man die topographisch bedingten Windablenkungen nur verstanden. So wusste ich schon, dass sich bei Wind aus Südost an der windabgewandten Seite des Kemeter ein phänomenaler Lift in Ufernähe ausbildet, der unter den einheimischen Seglern als Ho-Chi-Minh-Pfad bekannt ist. Offenbar erzeugt der Kamm des Kemeter einen Wirbel, der als Fallböe aufs Wasser trifft und dann gegen die Hauptwindrichtung am Hang entlang wieder nach oben strömt. Wenn man es in diese „Röhre“ geschafft hat, kann man mit voller Kraft und phasenweise gegen die Hauptwindrichtung auf Steuerbordbug direkt am Ufer entlang segeln. Wenden muss man erst kurz bevor der Kemeter-Kamm ins Wasser eintaucht. Dann braucht man nur einen kurzen Schlag auf Backbordbug, bis einen der Grundwind erfasst und man wieder auf Steuerbordbug Richtung Luvtonne fahren kann. Die „Röhre“ spart eine Menge Weg im Vergleich zu einem herkömmlichen Kreuzkurs.


In diesem Jahr gab es wieder Wind aus SO. Und siehe da: Die Analyse aus der Vergangenheit sollte sich auszahlen. Nach anfänglichen – der langen Trainingspause geschuldeten – Schwierigkeiten mit der Bootstechnik arbeiteten wir uns mit der Ho-Chi-Minh-Strategie langsam nach vorne und verpassten in der vierten Wettfahrt nur um Haaresbreite den Sieg.

Traunsee
Vom Rursee ging es Ende Mai weiter zur Traunseewoche im schönen Salzkammergut. Seglerisch war es für uns nicht unbedingt ein Highlight, aber landschaftlich ein Traum. Der Traunsee ist bekannt für sein thermisches Windsystem. Bei stabilem Hochdruckwetter setzt in den frühen Morgenstunden der Oberwind ein, ein konstanter Südwind, der auch schonmal bis auf sechs Bft. aufdrehen kann. Im Laufe des Vormittags schläft der dann rasch wieder ein, um gegen Mittag vom etwas schwächeren Niederwind abgelöst zu werden. Das Wetter war in diesem Jahr aber eher durchwachsen, so dass sich weder Ober- noch Niederwind so richtig entfalten konnten. Bis auf Samstagmorgen. Aber da hatte unser Wettfahrtleiter längst entschieden, dass der Freitagabend-Party auf Schloss Orth – dem festlichen Höhepunkt der Traunseewoche – der Vorzug zu geben sei. In vorauseilender Fürsorge ging er davon aus, dass den Seglern drei Stunden Schlaf zu wenig seien, um unfallfrei über den Parcours zu jagen und setzte die Startbereitschaft am Samstagmorgen für 11:00 Uhr an. Der Windfleckenteppich, den der Oberwind zu diesem Zeitpunkt noch übrig gelassen hatte, ließ leider keine Wettfahrt mehr zu, am meisten zum Ärger derjenigen, die dem Leistungsschlaf den Vorzug vor der Party gegeben hatten.


Da gleich am Wochenende darauf die Pfingstregatta am Waginger See angesetzt war, blieben wir in den Bergen und nutzten die Zeit, um diverse Gipfel zu erkunden. Martina nahm außerdem die Gelegenheit wahr, unseren Hausrat vor der Weiterreise mit mehreren Kilogramm der berühmten Gmundener Keramik aufzustocken.

Waginger See
Wenige Tage vor der Regatta in Waging erreichte die Teilnehmer eine aufgeregte Nachricht der Wettfahrtleitung: Das Wasserwirtschaftsamt habe dem Veranstalter kurzfristig im Interesse der Bekämpfung invasiver Arten in bayrischen Gewässern zur Auflage gemacht, dass nur Boote ins Wasser eingebracht werden dürften, die sowohl außen als auch in allen Hohlräumen vollständig desinfiziert seien. Es bedürfe dazu einer Hochdruckreinigung mit mindestens 45°C heißem Wasser und einer anschließenden Trocknungszeit von mindestens fünf Tagen. Die Teilnehmer müssten per Unterschrift bestätigen, die entsprechende Maßnahme durchgeführt zu haben.
Konkret geht es hier um die Bekämpfung der Quaggamuschel, die längst in nahezu allen bayrischen Gewässern heimisch ist. Am Traunsee hatten wir ganze Kolonien dieser sich rasant ausbreitenden Schalentierart im Wasser gesehen. Die Muscheln machen auch vor den Anlagen zur Trinkwassergewinnung aus Seen nicht halt und verursachen beträchtliche Kosten für die Reinhaltung. Trotzdem wirkt es wie hilfloser Aktionismus, wenn sich die Behörde eine Handvoll Regattasegler vorknöpft, hunderte von Stand-Up-Paddlern und Kajakfahrern aber unbehelligt lässt.


In Waging angekommen fügte es sich, dass ich unser Boot gleich neben Elise, dem Boot von Alex Morgenstern aufbaute. Alex ist mehrfacher deutscher Meister im Kielzugvogel und ist schon in jungen Jahren bei Gerd Eiermann als Vorschoter in die Lehre gegangen. Ich sollte dazu erwähnen, dass sein Boot und das unsrige praktisch baugleich sind. Voller Stolz zeigte ich ihm mein neues Messleinensystem und die Übersetzung für die Unterwanten. Er griff prüfend in die Wanten von „All We Need“ und meinte nur: „Viel zu viel Spannung!“ „Ja, aber das sind doch genau die Werte aus der Fritz-Trimmanleitung“, gab ich zu bedenken. „Das kannste vergessen. Die sind für ganz andere Masten als Du ihn hast und überhaupt, war die Wantenführung damals noch ganz anders.“ „Und jetzt?“ „Komm, ich zeig Dir mal, wie das bei mir aussieht. Übrigens: Das mit den Unterwanten hättest Du Dir sparen können. Die benutze ich gar nicht. Für die Mastvorbiegung sind bei mir ausschließlich die Oberwanten zuständig.“ „Ähhh ..“
Alex zeigte mir ganz genau, welche Trimmeinstellungen er für welche Windverhältnisse verwendet und ließ mich die entsprechenden Spannungswerte messen, damit ich sie übertragen konnte. Gesagt getan! Am nächsten Tag gings dann zur Sache.


Gleich in der ersten Wettfahrt lagen wir an der Luvtonne vor Alex auf dem ersten Platz. Auf dem darauffolgenden Vorwind-Kurs konnte er sich leicht vor uns schieben, aber der Abstand betrug kaum eine Bootslänge. Daran änderte sich auch nichts in der zweiten Runde. Unaufhaltsam näherten wir uns der Leetonne und dahinter musste irgendwo die Ziellinie sein. Oder mussten wir etwa doch noch eine Runde fahren? Verdammt! So weit vorne zu liegen waren wir einfach nicht gewohnt, sonst hätten wir vorher mal einen Blick in die Segelanweisung geworfen. Nach dem Runden der Leetonne begann Alex zu luven. Also doch nochmal hoch zur Luvtonne. Aber kaum zog ich mit hoch, fiel er wieder ab. Was soll das? Bis ich begriff, dass Alex einfach nur verhindern wollte, dass wir ihn in Luv überholen, hatte sich der nächste Verfolger zwischen uns geschoben, weil ich durch das unsinnige Luven einen Umweg gefahren war. Und dann sah ich auch die Ziellinie: Statt wie vermutet auf der Höhe des Startschiffs, befand sie sich in Lee davon. Immerhin reichte es für uns noch für den dritten Platz.
Alex mag in dem Moment vielleicht bereut haben, mir seine Trimmgeheimnisse zu verraten, aber falls ja, dürfte ihn die nächste Wettfahrt wieder beruhigt haben. Da landeten wir dann wieder in gewohnten Gefilden im mittleren Drittel.
Während des Starts der dritten Wettfahrt zog langsam eine angekündigte Unwetterfront auf. Nach dem Start lagen wir kurz vor der Luvtonne noch aussichtsreich auf einem der vorderen Ränge, aber dann schlief der Wind ein. Die Wettfahrt wurde abgeschossen und zeitgleich setzte rund um den See die Starkwindwarnung ein. Die Wettfahrtleitung hatte sich zuvor nicht dazu geäußert, was sie in diesem Falle tun würde, und so nahmen wir an, dass hier die gleichen Rahmenbedingungen herrschen würden wie am Traunsee. Dort bedeutet Starkwindwarnung Abbruch der Wettfahrten. Abgesehen davon haben Martina und ich eine Abmachung: Spätestens ab sechs Bft. bringen wir uns samt Schiff in Sicherheit bzw. fahren gar nicht erst los. Also steuerten wir Richtung Hafen und mit uns noch eine weitere Mannschaft.
Die Wettfahrtleitung hatte aber offensichtlich anderes im Sinn. Sie startete die dritte Wettfahrt neu und schaffte es sogar noch, eine vierte Wettfahrt zu starten. In deren Verlauf nahm der Wind allerdings wie angekündigt beträchtlich zu und zwang zwei weitere Mannschaften zur Aufgabe. Wir hatten unser Boot in der Zwischenzeit ordentlich vertäut und verpackt und konnten von Land aus dem Spektakel zusehen, das sich vor unseren Augen abspielte, als die verbliebenen Boote versuchten, gegen den Wind in den Hafen zu gelangen. Die Starkwindwarnung hatte sich inzwischen in eine Sturmwarnung verwandelt und das zu Recht. Die Wasserwacht musste mehrere Segler aus dem Wasser fischen und herrenlose Boote wieder einfangen. Hinterher gab es neben zahlreichen Kleinschäden einen zur Unbrauchbarkeit verbogenen Großbaum zu beklagen. Eine Vorschoterin erlitt einen Nervenzusammenbruch und eine weitere Vorschoterin ließ sich nur noch durch gutes Zureden dazu bewegen, das fest umklammerte Vorstag wieder freizugeben.
Gute Seemannschaft wird beim Regattasegeln leider nicht honoriert. Da sollte man drüber stehen können.
Ich habe übrigens beim Wettfahrtbüro nachgefragt, was mit den unterschriebenen Formularen zur Bootsdesinfektion geplant sei. Die Antwort war Schulterzucken. Es gäbe keinerlei Anweisungen dazu und man wisse nicht, ob man sie aufbewahren oder ans Wasserwirtschaftsamt schicken müsse. Leider lässt sich an dieser Stelle kein Link zu einem Wiehern einbauen 😉

Staffelsee
Für die Münchner ist der Staffelsee schon etwas abseits und so hat sich dort noch eine sehr familiäre und wenig elitäre Seglergemeinschaft erhalten. Für die neun Kieler-Segler aus dem Club ist es Ehrensache, beim jährlichen Enzian-Pokal mitzusegeln, auch wenn man gegen die auswärtige Konkurrenz nur schwer bestehen kann. Präsident ist Toni Kölbl, bekannt aus Funk und Fernsehen als Feuerwehrhauptmann von Eschenlohe, das vor einigen Jahren von einem verheerenden Hochwasser der Loisach heimgesucht wurde. Tonis damaliger Einsatz machte so viel Eindruck, dass ihn die Bevölkerung postwendend zum Bürgermeister wählte, ein Amt, das er bis heute ausübt. Seinen Zugvogel segelt er seitdem nur noch gelegentlich, aber dass er es sich als Bürgermeister einer 1600-Seelen-Gemeinde leisten kann, ein ganzes Wochenende am See ungestört als Wettfahrtleiter zuzubringen, spricht dafür, dass hier die Welt noch vollkommen in Ordnung ist. Wir hatten hier drei schöne Wettfahrten und beendeten die Serie mit einem vierten und zwei sechsten Plätzen.

IDM am Wörthsee
Gut zwei Wochen später ging es dann Ende Juni zur Internationalen Deutschen Meisterschaft an den Wörthsee. Unser Boot hatten wir schon auf der Rückfahrt von Waging dort abgestellt. 30 Boote waren diesmal gemeldet. Das macht schon einen Unterschied zu den sonst üblichen 10-15 Booten, vor allem beim Start. Wenn man da nicht rechtzeitig aus dem Pulk kommt, bleibt man erst mal eine Weile stehen, weil die Abdeckung der vor einem liegenden Boote kaum noch Wind durchlässt. Nur einmal gelang uns das richtig gut, aber die Freude darüber währte nur kurz. Nach der Luvtonne habe ich uns nicht konsequent genug frei gesegelt und prompt gerieten wir gnadenlos in die Abdeckung unserer 28 Verfolger und links und rechts zog einer nach dem anderen gemächlich an uns vorbei.
Am zweiten Wettfahrtstag ereignete sich leider ein tragischer Unfall. Eine Vorschoterin ging bei einer zackigen Wende vor der Luvtonne über Bord, hatte dabei aber noch die Schot um die Hand gewickelt. Sie bekam die Hand erst frei, als ihr die Schot ein Fingerglied abriss. Das gute Stück fand sich später sogar noch in ihrem Handschuh und die Ärzte im Krankenhaus versuchten es wieder anzunähen, doch leider vergeblich. Wer es bis jetzt nicht wusste, sollte daraus seine Lehren ziehen: Niemals eine Schot um die Hand wickeln, schon gar nicht bei viel Wind!
Vom Wörthsee hätte es eigentlich weiter zum Werl-Cup am Scharmützelsee im Brandenburgischen gehen sollen. Das bot sich für uns als Zwischenstopp auf dem Weg zur Travemünder Woche Ende Juli an. Leider musste der Werl-Cup aber wegen zu geringer Meldezahl abgesagt werden und wir disponierten kurzerhand um. Schließlich waren wir bis dahin noch nie am wunderschönen Staffelsee bei Murnau gewesen und so wurde der zu unserem nächsten Ziel.

Travemünder Woche
Vom Staffelsee bis Travemünde sind es gut 900 km. Ein bisschen verrückt sind wir wahrscheinlich doch. Aber was soll‘s! Die Lübecker Bucht verfügt zwar nicht über das Panorama der bayrischen Binnenseen, aber dafür übt die Ostsee ihre ganz eigene Faszination aus. Wenn wir nicht Regatten segeln würden, hätten wir wahrscheinlich ein Schiff an der Ostsee. Davon abgesehen ist die Travemünder Woche als Volksfest allemal eine Reise wert.
Wir waren schon ein paar Mal bei diesem Segel-Ereignis dabei, aber meistens nur für ein paar Wettfahrten an den etwas weniger stürmischen Tagen. Unser Crew-Gewicht eignet sich einfach nicht für Windgeschwindigkeiten oberhalb von 20 Knoten. Auch diesmal mussten wir drei der insgesamt acht Wettfahrten auslassen. Aber auch in den Wettfahrten, bei denen wir dabei waren, waren unsere Schwächen bei stärkerem Wind deutlich zu erkennen. Ich kann das Boot zwar in den Böen aufrecht halten, aber ich muss dafür den Bug so hoch in den Wind stellen, dass wir in jede Welle knallen, die des Weges kommt. Sobald ich etwas abfalle, wird der Winddruck so stark, dass wir mangels Gegengewicht sofort krängen. Das sieht zwar spektakulär aus, aber mehr Vortrieb bringt es nicht, weil sich die Angriffsfläche für den Wind beim Krängen drastisch verkleinert. An dem Problem müssen wir wohl noch ein wenig arbeiten. Mehr Essen kommt dafür allerdings nicht in Frage.
Als nächstes wäre der Eicher See Mitte August dran gewesen. Aber auch hier musste die Veranstaltung aufgrund einer zu geringen Meldezahl abgesagt werden. Für ein paar Tage stellten wir unser Boot daher am Laacher See ab, in der Hoffnung, auch hier mal ein paar Runden drehen zu können. Aber das Wetter im August war in diesem Jahr so schrecklich, dass wir unser Boot unausgepackt wieder angehängt haben und in Richtung Tegernsee aufgebrochen sind.

Tegernsee
Der Tegernsee hat im Prinzip ein ähnliches Windsystem wie der Traunsee, nur bläst hier der Wind in der Regel nicht so stark. Das bescherte uns diesmal den wahrscheinlich schönsten Segeltag des Jahres. Während es am Samstag noch flau zuging und keine Wettfahrt möglich war, kündigten sich für den Sonntag ideale thermische Bedingungen an. Das hieß dann allerdings auch Startbereitschaft auf dem Wasser um sieben Uhr in der Frühe. Damit das klappt, muss man etwa eine Stunde vorher und noch im Dunkeln ablegen. Normalerweise schafft man dann zwei Wettfahrten und bis sich am Nachmittag der Talwind einstellt, ist in der Regel die letzte Startmöglichkeit schon verstrichen. Diesmal kam es etwas anders.
Als wir ablegten, war der Wind schon da und wir erreichten pünktlich das Startgebiet. Er wehte mit konstanten 3-4 Bft. aus den Bergen und die Wettfahrtleitung legte zügig los. Während der ersten Wettfahrt ging die Sonne über den Bergen auf und die ersten Heißluftballons überquerten das Regattafeld, ein grandioses Schauspiel. Nach der zweiten Wettfahrt machte der Wind entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten keinerlei Anstalten einzuschlafen. Also gab es eine dritte. Unsere Mägen begannen gehörig zu grummeln. Ungerührt blies die Wettfahrtleitung anschließend auch noch zur vierten Wettfahrt. Jetzt gingen auch unsere Wasservorräte zur Neige. Erst danach ging es zurück in den Hafen, wo ein italienisches Frühstücksbufett vom Feinsten auf uns wartete. Euphorisiert schlug ein Mitsegler vor, den See auf Lago di Tegarino umzutaufen.
Während wir noch mit dem Frühstück beschäftigt waren, kippte der Wind schon auf Nord, ohne nennenswert an Kraft einzubüßen. Die Wettfahrtleiterin begann nervös in den Segelbestimmungen zu blättern. Schnell fand sie heraus, dass die Regeln es zulassen, auch mehr als vier Wettfahrten an einem Tag zu absolvieren, solange die Gesamtsegelzeit sechs Stunden nicht überschreitet. Eine kurze Abstimmung mit den Seglern und schon ging es wieder hinaus auf den Lago di Tegarino. Bis zum Mittag hatten wir schließlich sechs wirklich wunderschöne Wettfahrten absolviert. Nicht einmal von den einheimischen Seglern konnte sich jemand erinnern, so etwas je erlebt zu haben. Völlig erschöpft, aber glücklich traten wir den Heimweg an. Wir konnten immerhin zwei vierte Plätze für uns verbuchen, was angesichts der Konkurrenz als durchaus bemerkenswert gelten darf.
Damit wäre die Segelsaison für uns eigentlich zu Ende gewesen, aber die Klassenvereinigung richtete einen dringenden Appell an alle Mitglieder, doch unbedingt noch Mitte September an den Diersfordter Waldsee am Niederrhein zu kommen, um die Meisterschaftswürdigkeit der Klasse zu erhalten. Dazu müssen mindestens 40 Segler in der Rangliste gelistet sein und um in die Rangliste zu kommen, muss man mindestens neun Wettfahrten bei Ranglistenregatten nachweisen können. Und damit eine Regatta als Ranglistenregatta gewertet werden kann, müssen nach den aktuellen Statuten mindestens acht Mannschaften teilnehmen. Also ließen wir uns breitschlagen, als achte Mannschaft an den Niederrhein zu reisen, um einigen der Teilnehmer noch zum Sprung in die Rangliste zu verhelfen.

Diersfordter Waldsee
Der Diersfordter Waldsee war uns bis dahin völlig unbekannt und wir waren auf einen bescheidenen Bagger-Tümpel gefasst, wie es so viele entlang des Rheins gibt. Umso überraschter waren wir, ein Revier von durchaus ansehnlichen Ausmaßen vorzufinden, das nach Aussagen des ausrichtenden Clubs in den nächsten zwei Jahren sogar noch erheblich vergrößert werden soll. Von der besegelbaren Fläche her wird das Revier dann mit dem Laacher See mithalten können.
Am ersten Tag wehte der Wind mit 3-4 Bft. und nach zwei Wettfahrten belegten wir den zweiten Platz in der Gesamtwertung. Es war uns gelungen, Florian Lenz und seinen Vater Heinz Lentz, seines Zeichens mehrfacher Deutscher Meister, in Schach zu halten. Am nächsten Tag lief es anfänglich auch gut für uns, bis der Wind dann allmählich auf fünf Bft. auffrischte und wir es mit den bekannten Problemen zu tun bekamen. Am Ende reichte es dennoch für Platz drei in der Gesamtwertung.

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