Die Tatsache, dass man(n) älter wird, findet man(n und frau) im Allgemeinen nicht so toll, ist aber aufgrund der biologischen Umstände unvermeidbar. Es gibt aber auch die schönen Seiten des Lebens jenseits der 60, und über eine davon möchte ich gerne berichten.
Die Berufstätigen unter uns wissen es: Mehrere Wochen an Bord eines Segelschiffs zu verbringen, kann man sich abschminken. Zwei oder drei Wochen im Jahr sind schon Luxus, und wer die Möglichkeit hat, kann auch mal ein Sabbatical einlegen. Ganz anders sieht es aber aus, wenn man älter geworden ist – so zumindest bei mir. Ich war in der passiven Phase der Altersteilzeit (danach kommt die Rente) und hatte somit Zeit, etwas zu unternehmen.
Natürlich gibt es sehr viele Möglichkeiten, einen Traumurlaub an Bord zu verbringen, aber da unser Boot, die My Dream, in Lemmer am IJsselmeer liegt, beschränkte sich das Gebiet der Segeltour auf Nord- und Ostsee. In der Ostsee waren wir schon öfter, die ost- und westfriesischen Inseln sowie Holland insgesamt kennen wir auch schon gut. Blieben also Norwegen, Großbritannien, Irland und Frankreich als mögliche Ziele übrig. Im Rahmen der Vorbereitung der Reise reifte bei mir der Gedanke, dass eine England-Umrundung schon echt cool wäre. Ich machte mich 2023 an die Planung, erstand einige Seekarten und Revierführer und begann, eine mögliche Route auszuarbeiten. Schnell kam ich auf 120 Tage, und Reservetage waren dabei noch nicht eingeplant. Warum so viel Zeit? Ich wollte nicht nur Meilen schrubben, sondern auch Land und Leute besser kennenlernen.
Das war mir dann aber doch etwas viel Zeit weg von zu Hause, zumal ich nicht alleine segeln wollte und meine Lebensgefährtin Renate noch voll im Beruf stand und somit nicht die ganze Zeit dabei sein konnte. Also musste ich noch Leute finden – am besten welche, die ich schon gut kenne, die mit mir segeln würden. Die Route wurde gekürzt und im Umfeld der Jeton & Friends fand ich bald nette Aspiranten, die mitsegeln wollten. Im Laufe der Vorbereitung kristallisierte sich heraus, dass die Tour 10 Wochen dauern und ich mit vier unterschiedlichen Crews diese Reise unternehmen würde. Wobei der Begriff Crew etwas hochtrabend ist, da bei einer Bootslänge von 9,30 Metern eine Besatzung von zwei bis drei, maximal vier Personen ideal ist. Als Orte für den Crewwechsel wurden Dover, Southampton und London ausgewählt, wobei im Vorfeld schon klar war, dass dies von Wind und Wetter abhängig ist und man gegebenenfalls per Bus & Bahn zu einem anderen Hafen anreisen muss.
Aufgrund der Länge der Reise kann ich hier nur von einigen Highlights berichten und versuche dies anhand der einzelnen Crews darzustellen.
CREW IThe Hardcore One’s
(Helmut & Mike, 291 sm, 10 Häfen, 14 Tage)
Am ersten Tag der Reise hatten wir Windböen bis 7 Bft aus West – nicht gerade die besten Bedingungen für den Start. Dennoch entschlossen wir uns, nicht über IJmuiden und Dünkirchen nach England zu segeln, sondern direkt über Den Helder die 120 sm nach Lowestoft an der englischen Ostküste zu segeln. Besonders die letzten Stunden bei 6 Bft hoch am Wind waren doch etwas anstrengend, bis wir nach gut 25 Stunden England erreichten.
An den Folgetagen wurden wir entschädigt durch eine wunderbare Landschaft am River Orwell und in den Backwaters bei Harwich. Doch auch der plötzlich einsetzende Nebel an der Ostküste war beeindruckend und die Überquerung des Thames Estuary nach Ramsgate war durchaus anspruchsvoll. Heftiger wurde es dann noch einmal auf der letzten Strecke von Ramsgate nach Dover, wo bei zweifach gerefften Segeln einige Schappen ihre Türen öffneten und ihren Inhalt im Salon verteilten.
Kulturelles Highlight war sicherlich der Besuch von Canterbury und die Teilnahme an den Evensongs in der dortigen Kathedrale. Das englische Essen wurde eher als mittelprächtig eingestuft, wohingegen der High Tea im Tiny Tim’s Tearoom in Canterbury exzellent war. Bemerkenswerterweise wurde von der Crew das englische Bier schnell als „Zitronenbier“ klassifiziert und es wurden lieber das dänische Carlsberg oder spanische Biere getrunken. Erwähnenswert ist noch, dass die Pumpe in der Bordtoilette während der Überfahrt nach England den Geist aufgab und erst nach vier Tagen durch eine neue ersetzt werden konnte. Die Verwendung der Pütz war dadurch unumgänglich – was nicht unbedingt jedermanns Sache war.
CREW IIThe Solent Sailors
(Helmut & Frank, 221 sm, 11 Häfen, 14 Tage)
In dieser Besetzung waren wir schon öfter zusammen gesegelt, daher war die Eingewöhnungsphase minimal. Erfreulicherweise stiegen langsam die Temperaturen an, aber den einen oder anderen Schauer bekamen wir dennoch ab – kein Wunder, wir waren schließlich in England. Nach einem entspannten Segeltag von Dover nach Eastbourne wurde am Folgetag gewandert. Oberhalb der Kreidefelsen und der Seven Sisters ging es nach East Dean zum Tiger Inn, wo wir eine Minute vor dem Schließen der Küche noch die hervorragenden Pub-Burger bestellen konnten! Ich habe da meine Zweifel, ob das hier so möglich wäre. Natürlich haben wir den markanten Leuchtturm von Beachy Head auch von oben und am nächsten Tag von der Seeseite bewundern können.
Das eigentliche Highlight war aber das Segeln im Solent. Die vielen Flussmündungen und die teilweise geschützte Lage durch die Isle of Wight machen das Gebiet nicht umsonst zum Segelmekka. Geschätzt mehrere tausend Segelboote liegen dort in den verschiedenen Häfen und Flussmündungen. Auf dem Wasser ist immer etwas los, inklusive Berufsschifffahrt und Fähren. Frank war ganz hin und weg, als wir morgens eine Regatta von geschätzt ca. 40 Jugendbooten im Chichester Harbour passierten.
Natürlich war Cowes ein „Must-see“, und der Besuch von Portsmouth mit dem Historic Dockyard war obligatorisch. Aber auch die kleine Marina Bucklers Hard am Beaulieu River oder Hamble-le-Rice sind sehr sehenswert. Natürlich besuchten wir auch mehrere Pubs, und gerade zur Europameisterschaft dachten wir, dass diese von fußballbegeisterten Fans überquellen würden. Dem war aber leider nicht so. Beim Spiel England gegen Spanien waren wir im Pub „The Fox Tavern“ in Gosport bei Portsmouth sogar fast die einzigen Gäste.
Wir hatten oft prima Segelbedingungen. Das Boot lief perfekt und das Segeln machte so richtig Laune, da konnte man schon mal versäumen den richtigen Kurs vorzugeben, um in den Zielhafen einzulaufen; so ist es mir zumindest passiert, als wir nach Cowes wollten.
CREW IIIThe South-East Coast Lovers
(Renate, 191 sm, 9 Häfen, 21 Tage)
Das hätte auch besser starten können. Da überlegt man schon im Vorfeld, welches Segelequipment an Bord ist, damit die Frau nicht zu viel Gepäck hat, und dann muss das auf eine kleine Tasche reduzierte Handgepäck in Düsseldorf am Flughafen doch aufgegeben werden. Und was ist dann passiert? Natürlich ist das Handgepäck in Southampton nicht angekommen. Damit nicht genug: Am zweiten Segeltag wurden wir durch „Wasser von oben“ gehörig nass, woraufhin Renate sich eine ordentliche Erkältung eingefangen hat, die sie bis zum Ende des Törns leider nicht loswurde.
Na prima, das waren die besten Voraussetzungen für einen schönen Segeltörn, aber zum Glück kam es anders und wir hatten super tolle Segeltage. Wie bei der vorherigen Crew waren wir auch in Hamble-le-Rice und wurden in Bucklers Hard geduscht. Dafür hatten wir einen netten Abend im nahe gelegenen, urgemütlichen Pub. Am Tag danach waren wir auch noch mal in Cowes, wo die Classic Week stattfand. Aufgrund dieses Umstands waren nahezu alle Liegeplätze belegt und wir waren daher froh, dass wir in einer anderen, etwas weiter entfernt gelegenen Marina unterkamen.
Weil es segeltechnisch nicht passte, sind wir am Folgetag mit dem Bus zu den Needles gefahren und konnten dabei noch einiges von der tollen Isle of Wight mitbekommen. Natürlich waren wir auch in Portsmouth und Chichester. In letztgenannter Stadt wurde uns von einer netten Engländerin aus der Patsche geholfen. Der Automat im Bus, der uns zurück zur Marina bringen sollte, akzeptierte unsere EC-Karten nicht und leider hatten wir kein Bargeld dabei. Kurzerhand zahlte besagte Engländerin die Tickets, weil wir sonst wohl am Busbahnhof gestrandet wären. Das stellten wir immer wieder fest: Die Engländer sind echt nett und freundlich!
Weiter ging es nach Brighton. Aufgrund einer wackelnden UKW-Antenne in der Mastspitze und ungünstigem Wind lagen wir ungeplant für drei Tage dort fest. Im Nachhinein sind wir aber froh, da gewesen zu sein, weil diese bunte und queere Stadt absolut sehenswert ist.
Eigentlich wollten wir nach London und so mussten wir zwangsläufig an Eastbourne, Dover und Ramsgate vorbei und besuchten dabei auch noch Canterbury und Broadstairs. Unser seglerisches Ziel der Reise war dann aber Chatham anstatt London. Aus meiner Sicht passten die Gezeiten und Witterungsbedingungen nicht, um die gut 45 sm die Themse hochzufahren. Stattdessen fuhren wir kurzentschlossen mit dem Zug nach London und verbrachten dort drei wunderschöne Tage in der Hauptstadt. Absolutes Highlight war der Besuch des Musicals TINA.
CREW IVThe Early Helmsmen
(Johannes und Willi, 375 sm, 11 Häfen, 21 Tage)
Interessant an so einer Reise ist, dass man diese mit unterschiedlichen Menschen macht. Jede Crew ist anders, so auch diese. Während die anderen gerne bis 8 Uhr morgens schliefen, wurde es auf dem Boot zusammen mit Johannes und Willi schon um 6 Uhr lebendig.
Die beiden mussten an ihrem Anreisetag von London noch mit dem Zug nach Chatham reisen, was für sie aber kein Problem war. Während man in der Stadt von Chatham nicht unbedingt gewesen sein muss, ist das angrenzende Rochester sehr sehenswert und die Evensongs in der zweitältesten Kirche von England waren Gänsehaut pur.
Die Ankunft am späten Abend im Städtchen Burnham-on-Crouch auf der anderen Seite der Themsemündung sowie die morgendliche Abfahrt um 4 Uhr waren unheimlich reizvoll. Dann mussten wir uns entscheiden: Ein langer Schlag über die Nordsee nach Holland oder Hafenhopping entlang des europäischen Festlands? Wir entschieden uns für Letzteres. Somit waren wir noch einmal in Ramsgate, querten die Straße von Dover nach Dünkirchen, waren in Blankenberge (Belgien), Kamperland an der Oosterschelde, Hellevoetsluis im Haringsvliet, IJmuiden und schließlich auch in der Sixt Marina in Amsterdam.
Dabei haben wir unheimlich viel erlebt. Hier nur ein paar Highlights: ein Solosänger, der das Bistro zum Kochen brachte, eine traumhafte Wanderung nach Broadstairs, leckeres Bier im Royal Temple Yacht Club in Ramsgate, eine ausgelassene Sommerparty in Hellevoetsluis, ein stimmungsvoller Sonnenuntergang in IJmuiden und zum krönenden Abschluss der Hartjesdag in Amsterdam, wo Tanz und Gesang auf den Straßen der Altstadt uns ganz besonders begeisterten.
FAZIT
Das englische Revier ist sehr schön, aber auch anspruchsvoll. Die Gezeiten und Tidenströmungen, aber auch Wind und Wetter erfordern es, dass man sich unbedingt nach diesen Gegebenheiten ausrichten muss. Die Bereitschaft, in der Nacht oder auch früh morgens zu starten oder ebenso spät abends anzukommen, gehört ebenso dazu. Gerade das Themserevier ist nicht ohne!
Was war für diese Reise gut?
Wir hatten uns auf einige Punkte geeinigt, die ich hier benennen möchte:










